EP:

Die wilde Fahrt durch Sibirien

„Auf deine Gesundheit!“ Diese drei ins Deutsche übersetzten Worte des russischen „na vashe zdorov’ye“ ist die wohl am häufigsten ausgesprochene Phrase während der Fahrt auf der transsibirischen Eisenbahnlinie. Gleichzeitig ist sie bezeichnend für die rund siebentägige Reise vom fernöstlichen Wladiwostok nach Moskau. Der Zug mit der Nummer 001 erreicht die russische Hauptstadt zwei Stunden vor dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft. Dementsprechend mischen sich etliche Fußball-Anhänger unter die einheimischen Reisenden. Fans aus England, Australien, Neuseeland, Deutschland, China, Spanien, Japan oder gar dem südostasiatischen Sultanat Brunei saugen die russische Lebenskultur im Eiltempo auf. Es ist eine spannende wie verrückte Mischung. Und zum ersten Mal nach einer Woche Russland kommt WM-Stimmung auf.
 
Gut 4000 Kilometer weiter östlich ist davon nichts zu spüren. Im ostsibirischen Hinterland bei Zabaikalsk beginnt das WM-Abenteuer. Die Einreise über das chinesische Manzhouli ist schon eine Erfahrung für sich. Mit dem Bus geht es zum russischen Zoll. Ganze drei Stunden gilt es dort zu verweilen. Shoppen, was das Zeug hält, steht bei den Russen auf der Tagesordnung. Es sei im Nachbarland einfach billiger, erklärt mir eine Mitfahrerin. Anschließend wird der Großteil des Gepäcks noch irgendwo im Nirgendwo abgeladen. Alte, verfallene Häuser, ausgeschlachtete Autos, verlassene Hinterhöfe, keine Straßen: So stellt man sich das Ende der Welt vor. Ob sie mit der Fußball-WM etwas anfangen können, will ich von meinen Sitznachbarn wissen. „Nicht wirklich“, übersetzt mir die des Englischen einigermaßen mächtige Natalia.
 
 
Irkutsk ist das Ziel
Eine lange Zugfahrt steht bevor
Angekommen in Irkutsk
Ein bisschen Sightseeing
Irkutsk ist das Ziel
Eine lange Zugfahrt steht bevor
Angekommen in Irkutsk
Ein bisschen Sightseeing

 

Endlich am Bahnhof angelangt, geht es ins nahegelegene (in Russland bedeutet dies „nur“ 20 Stunden Zugfahrt) Tschita, von dort weiter nach Irkutsk. Im Zug frage ich erneut nach der Fußball-WM. Interessiere sie eigentlich nur wenig, verrät Svetlana. Eishockey sei DER Sport in Russland. „Unsere Fußball-Mannschaft kann nicht spielen, sie ist schlecht“, fährt sie fort. In Irkutsk schließlich begegnet man im Hostel tatsächlich den ersten vereinzelten ausländischen Fußball-Fans. Die Bewohner sind dagegen mehr am Ziehen von Bussen (!) interessiert als am bevorstehenden Großereignis. So ist es schon beinahe erlösend, was sich auf der zweitägigen Reise nach Jekaterinburg im Zug abspielt.

Die stets um das Wohlbefinden der Fahrgäste bemühte „provodnitsa“ – eine Art Schaffnerin mit Mutterinstinkt – spricht Englisch; so wie auch etwa ein Drittel der Bordinsassen, die wegen der Weltmeisterschaft in Russland weilen. Man versucht, sich auszutauschen, Übersetzungshilfen auf dem Smartphone inklusive. Es wird miteinander gegessen, Karten oder Schach gespielt und natürlich getrunken, viel getrunken. Wodka versteht sich und Wasser, schließlich fließt ja einiges vom russischen Lebenselixier in die Kehlen. Zwischendurch bleibt einem nur die Flucht in den Speisewagen. Dort geht es mit Bier immerhin nicht ganz so hochprozentig zur Sache. Hier trifft sich auch die gesammelte Fußball-Anhängerschaft. Es ist ein freudiges Beisammensein, die Stimmung ist gelöst. Endlich ist Fußball das Hauptthema. So kann der WM-Trip weitergehen!