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Deutschland verliert und keinen interessiert's

Zarter Applaus für die Mexikaner brandet auf. Als Deutschland das erste Mal seit 1982 wieder ein Auftaktspiel bei einer Weltmeisterschaft verliert, nehmen es die Russen in Jekaterinburg eher beiläufig zur Kenntnis. Schon kurz nach dem Schlusspfiff ist eine der wenigen Kneipen, die die WM-Spiele in der viertgrößten Stadt Russlands auf Großbildleinwand überträgt, wie leer gefegt. An diesem schwarzen Abend als deutscher Fußball-Fan eigentlich ein willkommenes Schauspiel. 
 
Ohnehin ist es in der Millionenstadt unweit der geographischen Grenze zwischen Europa und Asien nicht ganz so einfach, eine Fußballkneipe nach deutschem Empfinden aufzutreiben. Hier und da ein kleiner Monitor am Rande der Bar, zumeist übertönt von lauter Musik. Das war's auch schon. Lediglich rund um den Platz des Jahres 1905, an dem sich während der WM die ausländischen Fans versammeln, werden in einigen Restaurants die Spiele auf Großbildschirmen ausgestrahlt. Abseits des Stadtzentrums bleibt die Fußball-Weltmeisterschaft jedoch eine Randerscheinung. 

 

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Jekaterinburg, das ist die Stadt mit dem wohl verrücktesten Stadion dieser WM. Das Zentralstadion wurde für die Titelkämpfe mit temporären Tribünen ergänzt. Rund 50 Meter hoch ragen die Stahl-Konstruktionen hinter den beiden Toren außerhalb der eigentlichen Arena empor. Allein der Aufstieg durch das Ungetüm kommt einem unwirklich vor. Auf der improvisierten Tribüne angelangt, gleicht der Blick dem in ein gigantisches Fernsehgerät. Es ist die spektakulärste Erscheinung in der Metropole, dessen Wahrzeichen ansonsten die von goldenen Türmen geprägte Kathedrale auf dem Blut ist.
 
Als Fußball-Anhänger fühlt man sich in den ersten WM-Tagen etwas verloren. Wären da nicht die gut gelaunten uruguayischen und ägyptischen Fans, so wäre Jekaterinburg eine progressive russische Stadt, die mit Fußball nicht viel am Hut hat. Sucht man aber nach Gleichgesinnten, führt der Weg früher oder später ins offizielle Fan-Fest der FIFA. Zum Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien ist das Areal etwas außerhalb der Stadt gut gefüllt. Die Sicht auf das Spielgeschehen ist allerdings auch hier nicht immer gewährleistet.
 
Immerhin wird man für den nicht gestillten Fußball-Durst mit einem Marsch entlang des Flussufers des Isset entschädigt. Beim nächtlichen Flanieren geben sich zahlreiche Straßenmusiker die Klinke in die Hand. Elektronischer Sound aus der Kiste, zarte Gitarren-Riffe, ein Schlagzeuger oder beschwingte Töne aus dem Saxophon lassen mediterranes Flair aufkommen. Ein Schriftzug mit den Lettern „Russia 2018“ weist sogar auf das WM-Gastgeberland hin. Wäre da nicht das Wetter, man könnte vom Ambiente her glatt denken, man laufe durch eine italienische Hafenstadt. 
 
So kommen mir immer wieder die Worte von Taxifahrer Sergej in den Sinn. „In Jekaterinburg gibt es nur zwei Jahreszeiten“, erklärte er mir: „den weißen Winter und den grünen Winter“. Immerhin bin ich im grünen Winter zu Besuch, denke ich mir nur und vergieße dabei innerlich eine Träne in Gedanken an den deutschen Sommer. Und wann konnte das schon einmal jemand von sich behaupten?!