EP:

Eine kolumbianische Nacht am Meer

Es ist wirklich eine malerische Kulisse. Der Blick durch die Leinwand richtet sich in die Weiten von Kasanka und Wolga, die sich zusammen wie eine Meerenge um Kasan schlingen. Am gegenüberliegenden Ufer erstrahlt der Kasaner Kreml mit der märchenhaft wirkenden Kul-Scharif-Moschee. Das Fan Fest in der tatarischen Hauptstadt kann sich wahrlich sehen lassen. Schnell wird einem klar, warum im Reiseführer die Rede vom Istanbul an der Wolga ist. Ein WM-Spielort, den niemand, der die weite Reise nach Russland auf sich genommen hat, verpassen sollte. 
 
Am Nachmittag gleicht die offizielle Fanzone der FIFA einem Strandbad. Die Sonne brennt, der „grüne Winter“ von Jekaterinburg ist sofort vergessen. Der Sommer hat endlich auch meinen WM-Trip erreicht. Zahlreiche Kolumbianerinnen und Kolumbianer finden sich zum ersten WM-Spiel ihres Landes gegen Japan ein. Überhaupt haben die Fans der Cafeteros Kasan als Basislager für ihren Aufenthalt auserkoren. Der Spielplan lässt es zu. Im Gegensatz zu vielen anderen Teams, die zur Endrunde quer durch Russland reisen müssen, liegen Kolumbiens Vorrunden-Spielorte Saransk, Kasan und Samara alle innerhalb einer Tagesreise mit der Bahn.

Fanfest in Kazan
Kasanka-Panorama von der Brücke über die Wolga
Blick vom Fandest auf den Kreml/die Moschee
Fanfest abends
Iran und Kolumbien Fans
Fanfest tagsüber
Fanfest in Kazan
Kasanka-Panorama von der Brücke über die Wolga
Blick vom Fandest auf den Kreml/die Moschee
Fanfest abends
Iran und Kolumbien Fans
Fanfest tagsüber

Schon die Zugfahrt von Jekaterinburg nach Kasan wird von den Südamerikanern bestimmt. Zwar ist sie bei Weitem nicht mit einer Übernachtfahrt auf der transsibirischen Route zu vergleichen. Die Unendlichkeit von Sibiriens Birkenwäldern ist dem blühenden Grün und den Sumpflandschaften Tatarstans gewichen. Die Waggons wirken im Vergleich zu den Hunderte Meter langen Zügen entlang der russischen West-Ost-Achse beinahe wie ausgestorben. Nichtsdestotrotz ist die Stimmung an Bord zwischen Russen und Kolumbianern gelöst. Die Vorfreude auf die bevorstehenden Spiele ist groß.
 
Das Fan Fest an der Mündung der Kasanka in den längsten Strom Europas platzt zur zweiten Begegnung der russischen Nationalmannschaft am Dienstagabend aus allen Nähten. Wenige Minuten nach Anpfiff ist kaum mehr ein Durchkommen, noch vor der Halbzeit werden die Tore der Fanzone geschlossen. Endlich hat die Fußball-Weltmeisterschaft auch die Russen erreicht. Die Atmosphäre während des Spiels ist blendend. Natürlich, schließlich glänzt die Sbornaja auch bei ihrem zweiten Auftritt vor heimischer Kulisse. Der Jubel ist groß bei den Treffern sechs, sieben und acht der Mannschaft von Trainer Stanislav Cherchesov.
 
So groß die Freude über den neuerlichen Erfolg des WM-Gastgebers ist, so schnell ist sie allerdings auch wieder verflogen. Und erneut kommt die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Fußball-WM im Eishockey-Land Russland auf. Zieht man jedoch weiter ins Stadtzentrum von Kasan, vergisst man derlei Gedanken gleich wieder. Die Iraner, die am nächsten Tag hier gegen Spanien ihre zweite Partie bestreiten, haben die Nacht fest in ihren Händen. Zusammen mit einem bunten Mix von Fans aus Mexiko, Australien, Frankreich, Peru, Ägypten und natürlich Kolumbien lassen sie die helle Kasaner Nacht zu einer einzigen WM-Party mutieren.