EP:

Do svidanya Rossiya!

Über 80 Meter hoch, etwa 8.000 Tonnen schwer und eine Bauzeit von acht Jahren. Die Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamajew-Hügel nördlich des Zentrums von Wolgograd ist noch kilometerweit in der Ferne zu sehen. Das kolossale Monument ist das Wahrzeichen der rund Eine-Million-Einwohner-Stadt an der Wolga. Unweit des WM-Stadions ruft „Mutter Russland“ mit weit aufgerissenem Mund ihre Streitkräfte zu Hilfe. Die pompöse Gedenkstätte mit einer Ruhmeshalle und einer „ewigen Fackel“ erinnert an die Toten der Schlacht von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg. Als eine der größten Statuen der Welt dient sie den Russen als das Symbol für den Sieg der Sowjetunion über die deutschen Streitmächte.

Für mich ist Wolgograd der Ort, an dem ich die größte WM-Schmach in der deutschen Fußball-Geschichte erlebt habe. Als ich mich bei über 40 Grad auf dem Weg zum Fan-Fest im Stadtzentrum mache, ahne ich wie so viele noch nichts von dem bevorstehenden Debakel. Dabei hätte einem beim Eintreffen an der am Wolga-Ufer gelegenen FIFA Fanzone schon ein kleines Licht aufgehen können. Nicht etwa die Partie zwischen der deutschen Nationalmannschaft und Südkorea wird auf der Großleinwand vor den rund dreihundert Stufen hinunter zum Fluss übertragen. Die Wahl fällt auf Mexiko gegen Schweden. An ein schlechtes Omen denke ich dabei zunächst nicht.


 Fans
Im Fanfest
Im Stadion
Im Fanfest
So Denkmäler oder was das ist, gibt's in Wolgograd überall
Im Stadion
 Fans
Im Fanfest
Im Stadion
Im Fanfest
So Denkmäler oder was das ist, gibt's in Wolgograd überall
Im Stadion

Ein paar Minuten später finde ich mich etwas abgestresst in einem nahegelegenen Pub ein. Nicht Wenige ziehen die deutsche Begegnung mit den Asiaten dem Duell um den Gruppensieg vor. Als das historische Scheitern der DFB-Elf perfekt ist, applaudieren die anwesenden Russen. Auch Schweizer sind unter den schadenfrohen Zuschauern. Die Polen, die sich für ihre bevorstehende Abschlussvorstellung bei der Weltmeisterschaft am nächsten Tag bereits in Wolgograd eingefunden haben, feiern derweil, dass die Deutschen mit ihnen die Heimreise antreten. Irgendwie passt der Auftritt des Titelverteidigers in das Bild, das die im Zweiten Weltkrieg schwer verwüstete Stadt bei mir hinterlässt.

Kahl, verfallen, grau, bisweilen trostlos kommt Wolgograd daher. Wie noch in Samara reihen sich zahlreiche heruntergekommene Plattenbauten aneinander. Im Gegensatz zu meinem Stopp zuvor ist die Ufer-Promenade zwischen Fan-Fest und Volgograd Arena aber ebenfalls wenig einladend. Dabei hätte die Stadt durchaus Potenzial. Strategisch gut am größten Strom Europas gelegen, verbindet der Wolga-Don-Kanal etwa zehn Kilometer vor der Stadtgrenze das Schwarze mit dem Kaspischen Meer – eine wichtige Handelsroute zwischen Ost und West. Aber irgendwie hat es die russische Regierung verpasst, Wolgograd etwas Lebenswertes zu verleihen.

Für mich ist das Spiel zwischen Japan und Polen der Abschluss einer dreiwöchigen WM-Reise. Vieles bleibt hängen von der Ankunft im ostsibirischen Niemandsland bis zur Abreise nach dem letzten Vorrundenspieltag an der Wolga. Die Unberührtheit des Baikalsees, die zweieinhalbtägige Zugfahrt auf der transsibirischen Eisenbahnlinie, das pulsierende Leben in Jekaterinburg, die unerwartete Schönheit Kasans, die Mischung von kahler Industrie und Beach Life in Samara oder die unerträgliche Hitze in Wolgograd. Aber eines ist mit Sicherheit ganz besonders hervorzuheben: Die unglaubliche Hilfsbereitschaft, mit der die Russen die vielen Fremden in den Tagen der Weltmeisterschaft empfangen. Do svidanya Rossiya!