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Apple – Die Keynote zum WWDC 2017: Masse statt Klasse?

Jede Apple-Entwicklerkonferenz ist natürlich ein Heimspiel, bei dem jeder Ballkontakt bejubelt wird. Schließlich leben die Zuschauer von Apple und seinen Innovationen und neigen nicht dazu, sich kritisch zu äußern. Die Keynote zur WWDC 2017 war auch in anderer Hinsicht ein Heimspiel, denn der Kongress findet nicht mehr in San Francisco, sondern in San José statt – nicht weit weg vom neuen Apple-Hauptquartier. Das Murren der Apple-Fans auf Twitter wäre nicht zu überhören, das hatte jedenfalls Apple-Chef Tim Cook Großes angekündigt. Die Kritik lässt sich so zusammenfassen: Es gab viel Neues, aber nichts Aufregendes.

Siri zieht nach: HomePod zielt auf Amazon Echo und Google Home

Dass auch Apple einen intelligenten Lautsprecher bringen würde, pfiffen die Spatzen schon seit Wochen von den Dächern des Silicon Valley. Schließlich hatte Amazon mit Echo und Alexa höchst erfolgreich vorgelegt, und auch das Home-System von Google hat erhebliche Vorschusslorbeeren erhalten. Nicht zu vergessen die Aktivitäten Microsofts rund um Cortana und die bereits vorgestellte Invoke-Box von Harman Kardon.

Klar, dass Apple nicht einfach noch eine Box mit Spracherkennung und integrierte KI präsentieren durfte. Also benoten die Präsentatoren die Soundqualität des HomePod. Tatsächlich hat man – ähnlich wie bei der Harman-Kardon-Box – Intelligenz auch zur Optimierung des Sounds integriert. Die sieben Lautsprecher, darunter ein ziemlich fetter Subwoofer, werden einzeln gesteuert, ihr Output den Raumverhältnissen angepasst. So erkennt der HomePod, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht und nutzt die Reflektion. Zwei solcher HomePods sollen Musik in der Qualität der viel gerühmten Sonos-Boxen in den Raum bringen.

Bei einem Preis von 349 US-Dollar pro Stück wird das auch nötig sein, um die Kunden zu überzeugen. Dass im HomePod Siri wohnt und über sechs Mikrofone auf Fragen und Befehle des Eigners wartet, versteht sich beinahe von selbst. Wann immer es um Apple-eigene Dienste – wie Apple Music und Apple Maps sowie die Organisations-Apps auf Macs, iPads und iPhones geht – kann Siri fast jede Anweisung und Frage in Nullkommanichts erfolgreich beantworten. Aber natürlich steht die Musik im Mittelpunkt, und mit mehreren HomePods lässt sich ohne Aufwand auch Multi-Room-Beschallung realisieren.

Neue Systeme für Macs und iPads

Während sich die Begeisterung der Anwesenden über die kommende MacOS-Version namens „High Sierra“ in engen Grenzen hielt, löste die Präsentation der Features von iOS 11 auf iPads durchweg einige Begeisterung aus. Im Gegensatz zu allen anderen Konkurrenten außer Samsung, setzt Apple auf eine Zukunft voller Tablets und will gerade die Pro-iPads als vollwertige Mobilrechner mit fast allen Eigenschaften eines „richtigen“ Macs positionieren.

Das zeigt sich vor allem an zwei Merkmalen des neuen Systems. Zwar wird die App namens „Files“ mit einigem Understatement als Dateiverwaltung tituliert, tatsächlich hätte Apple diese Anwendung auch „Finder“ nennen können, weil diese System-App wirklich ein vollwertiger Dateimanager ist – und zwar mit nahtloser Integration in die iCloud. Überraschend und erfreulich: Auch die Dropbox kann ohne Aufwand als Cloud genutzt werden. Wie es mit Microsofts OneDrive und Google Drive steht, wurde nicht erläutert.

Zweitens: Die ohnehin voll überzeugenden Multitasking-Fähigkeiten des Systems wurden drastisch verbessert. So können nicht nur nahezu beliebig viele Apps ins Dock gestellt und von dort aus aufgerufen werden; es ist endlich möglich, Daten zwischen zwei laufenden Apps per Drag & Drop hin und her zu schieben.

Die neuen iPads: Schneller, schöner und mit mehr Display

Als verkündet wurde, dass die neuen iPads jetzt auch USB 3 unterstützen, ging ein Schmunzeln durch die Reihen, denn darauf hatte kaum noch ein Apple-Freund gehofft. Tatsächlich aber sind die beiden neuen Pro-Modelle der iPad-Reihe in jeder Hinsicht verbessert worden. Ganz neu ist die Version mit 10,5 Zoll Diagonale – das sind zwar nur 0,8 Zoll mehr, weil aber der Rand um 40 Prozent schmaler geworden ist, ergibt sich eine um 20 Prozent größere Bildfläche.

Weil es Apple aber mit diesen Tablets sehr ernst meint, steckt sowohl im kleinen, also auch im 12,9-Zoll-Modell mehr Power als in den meisten Notebooks anderer Hersteller. Der A10X-Fusion-Chip dürfte mindestens vier Mal so schnell sein wie seine Vorgänger. Hinzu kommt eine Grafik-Unit auf iMac-Pro-Niveau. Damit wird auch das Retina-Display so beschleunigt, dass jede Art Bild- und Videobearbeitung in Echtzeit ohne das kleinste Ruckeln möglich wird.

Natürlich handelt es sich bei diesen Modellen um Geräte für Profis. Vor allem für solche, die im kreativen Bereich arbeiten und ständig mit Fotos und Videos zu tun haben. Sonst müsste man sich über eine Frontkamera mit 7 Megapixeln und eine Hauptkamera mit 12 Megapixeln und einer maximalen Blende von 1:1,8 nur wundern. Insgesamt liegen die Leistungsdaten in dieser Sparte auf dem Niveau des iPhone 7 und spielen damit in einer Liga mit einigen angesagten Systemkameras.

Mit Genugtuung wurde die Nachricht aufgenommen, dass sich die Preise für das große iPad Pro nicht von seinem Vorgängermodell unterscheiden werden. Das kleine iPad Pro gibt es ab sofort ab 729 Euro.

Über die nächste Generation des iMac Pro muss nicht viel gesagt werden – was die nackten Leistungsdaten angeht, hat man es mit einem wahren Giganten zu tun, der sich in jeder Computerdisziplin mühelos an die Spitze setzt. Tatsächlich haben die CPUs mit bis zu 18 Kernen eine Power, die noch vor zehn, zwölf Jahren nur in speziellen gefertigten Workstation-Systemen zu finden war. Das gilt in noch höherem Maße für die Grafikeinheit. Was die Einsatzmöglichkeiten angeht, hat dieses Monster kaum noch Grenzen – aber eben auch seinen Preis, der bei fast 5.000 US-Dollar erst beginnt.

Und sonst? Ein bisschen KI, ein bisschen AR/VR und ganz wenig WatchOS

Dass Künstliche Intelligenz samt Machine-Learning im Jahr 2017 überall enthalten zu sein hat, hat nun auch Apple verstanden und befasst sich nicht mehr nur mit der Spracherkennung à la Siri, sondern – ähnlich wie Google und Microsoft – mit der Bilderkennung. Grinsen mussten altgediente Apple-Freunde, weil mit der neuen Version des Apple Pencil auch die Schrifterkennung aus Newtons Zeiten fröhliche Auferstehung feiert. Auf diesem scheinbaren Nebenkriegsschauplatz begegnen sich überhaupt nur zwei alte Erzrivalen: „Apple“ und „Microsoft“.

Wie immer hatten die Organisatoren der Keynote-Show auch den Spaß und die Wow-Effekte im Köcher. Die Rechen- und Grafikleistungen auf dem Stand der Technik erlauben nun auch in der Apple-Welt grandiose VR-Anwendungen mit fließenden Bewegungen und grandioser 3D-Qualität. Und weil die virtuelle Realität zunehmend auch als Augmented Reality stattfindet, zeigte man die nächste Generation entsprechender Games – quasi jenseits von Pokémon Go. Man kann sich das so vorstellen, dass der heimische Tisch zur dreidimensionalen Spielfläche wird, auf der Alien-Raumschiffe landen und den arglosen Betrachter virtuell angreifen.

Das momentane Stiefkind im Apple-Stall bleibt die Watch. Auch wenn inzwischen niemand mehr nach Stückzahlen fragt (und ohnehin keine Antwort bekommt), lösten die Aussagen zum WatchOS4 vorwiegend kaum verhohlenes Gähnen aus. Vielleicht ist die Apple-Uhr kein wirklicher Flop, aber die irrwitzigen Prognosen zur Nutzung – insbesondere in den Bereichen Sport und Gesundheit – hat sich nicht erfüllt und wird sich wohl auch nicht erfüllen.

Fazit: Große Portionen schmecken nicht immer am besten

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Tim Cook hatte nicht die aufregendste WWDC-Keynote aller Zeiten versprochen, sondern die größte. Dieses Versprechen haben er und seine Leute allerdings eingelöst. Nur war für Otto Normal-Apple-Freund nicht wirklich viel dabei, weil alles, was sich als wirklich spannend herausstellte, eher für Profis gedacht ist.

Bleibt eigentlich nur der HomePod, der allerdings große Erwartungen weckt, weil Apple hier – im Gegensatz zu Amazon und Google – vor allem auf die Soundqualität Wert gelegt hat. Außerdem wird die Box zur Nahtstelle zum HomeKit-Bereich, der Rundum-Sorglos-Lösung für das smarte Home aus dem Hause Apple. Einzig die Microsoft-Alternative dazu, aus dem bewährten Haus Herman Kardon, dürfte da in derselben Liga spielen.

So verließen die Zuschauer nach mehr als zwei Stunden erschöpft und ein wenig übersättigt das Auditorium. So richtig zufrieden waren allerdings die ganz auf Apple eingeschworenen Entwickler, die jenseits der Präsentationen bereits neue Ideen für Apps und Anwendungen am Horizont sehen konnten.