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Google I/O 2017: Von künstlicher Intelligenz umgeben

Das Unternehmen Google hat in seiner kurzen Geschichte bereits einige Häutungen hinter sich. Die auffälligste war sicher die Wandlung von der Suchmaschine zum Softwarehaus in Sachen Mobiltelefonie. In dieser Eigenschaft kennen rund 2 Milliarden Menschen das Unternehmen. Die jährliche Hausmesse Google I/O 2017 hat aber gezeigt, was jenseits neuer Android-Versionen als nächstes kommt: Google als universelle KI-Maschine für jedermann. Und trotzdem galt das Hauptinteresse der Besucher Android O, der nächsten Version des Betriebssystems.

Android 8 heißt O heißt Oreo

Schon um den Namen der nächsten Version herrschte Verwirrung. Avisiert war „Google O“, was einige Experten als Null (0) interpretierten und sich fragten warum. Tatsächlich ist auch die achte Verkörperung des Google’schen Betriebssystems für mobile Geräte nach einer Süßigkeit benannt, nämlich nach den Keksen namens „Oreo“.

Zusammengefasst: Android O wird wesentlich schneller arbeiten und deutlich knausriger mit der Akkukapazität umgehen. Strom wird vor allem dadurch gespart, dass nur Apps an den Saft kommen, die auch aktiv sind. Hintergrund-Apps ruhen so lange vollständig, bis sie keine neuen Informationen holen müssen. Je nach der persönlichen Kollektion an Anwendungen auf dem Smartphone, kann das die Akkulaufzeit sogar verdoppeln.

Natürlich wäre es ausgesprochen unpraktisch, Messenger, die im Hintergrund arbeiten, so zu behandeln. Die müssen ja jederzeit auf Empfang sein. Um dieses Problem zu umgehen, werden Apps wie Whatsapp, Facebook-Messenger u.ä. über den Google Cloud Messenger Service laufen, der von der Hintergrunddrosselung ausgeschlossen ist.

Erfreuliche Kleinigkeiten

Der Rest besteht aus angenehmen Kleinigkeiten. Wer sich von Benachrichtigungen genervt fühlt, kann nun sehr feinteilig einstellen, wann, wie und ob überhaupt welche Benachrichtigungen angezeigt werden. Dazu können Apps, die benachrichtigen, in Kategorien zusammengefasst werden, die jeweils andere Eigenschaften in Punkt Dringlichkeit und Wichtigkeit haben. Eine mögliche Kategorie „Messenger“ kann z.B. so eingestellt sein, dass Benachrichtigungen von Whatsapp, Facebook-Messenger und Google-Mail bevorzugt und sofort ausgegeben werden. Zudem kann jede Benachrichtigung mit einer Art „Schlummermodus“ auf Wiedervorlage gelegt werden.

Sehr erfreulich, dass man nun mit der Bildschirmtastatur problemlos Textpassagen markieren und in eine Zwischenablage kopieren kann. Darüber hinaus werden: Adressen, Mailadressen und Telefonnummern automatisch erkannt; über ein Kontextmenü werden passend dazu Maps, Mail oder Telefon angeboten. Im Play-Store ist nun eindeutig erkennbar, ob eine App von Google überprüft und zertifiziert wurde. Außerdem soll sich die Download-Dauer halbieren.

Youtube wird zum Fernseher

Von einer Neuerung in Android O profitiert auch Youtube bei mobilem Gebrauch. Player können nämlich zum Bild im Bild verkleinert werden. So bleibt ein Youtube-Video sichtbar, während man beispielsweise etwas in der Wikipedia sucht.

Google hat anscheinend erkannt, dass nicht nur das lineare Fernsehen mausetot ist, sondern dass Youtube in der Nutzergunst jetzt schon auf demselben Niveau läuft wie Amazon Prime, Netflix, Maxdome und die diversen Mediatheken. Längst ist die Video-Plattform ja nicht mehr Sammelstelle für mehr oder weniger belanglose Familien- und Party-Filmchen oder Abspielstation für Musikvideos. Was einige der führenden Youtuber inzwischen abliefern, ist Fernsehen in Reinkultur.

Also, so Googles Überlegung, muss Youtube ins Wohnzimmer auf den großen Flachbildschirm. Der unscheinbarste Schritt dorthin besteht in einem kleinen Update der Chromecast-Software in Verbindung mit dem Google Assistant in der Home-Säule. Fragt man dort nach einem Youtube-Video, wird es automatisch auf dem Fernseher angezeigt.

Nachdem wachsenden Erfolg der Live-Funktion von Facebook, legt Google in diesem Punkt auch bei Youtube nach. So sind jetzt auch 360°-Videos im Live-Streaming möglich, und mit „Super Chat“ wird Youtube zum System, mit dem sich Menschen live, bewegt und in Farbe miteinander unterhalten können. Netter Gag am Rand: Gegen eine kleine Gebühr kann man eigene Beiträge in einem solchen Video-Chat hervorheben lassen – die Einnahmen aus dieser Funktion will Google für einen guten Zweck spenden.

Google Home: Assistant statt Alexa

Noch ist Googles lauschende Helferin in Europa nur Testern vorbehalten. In den USA aber rufen schon fast genauso viele Menschen „OK Google“ in den Raum wie „Alexa“… Denn dort hat sich Google Home bereits in nicht wenigen Haushalten eingenistet. Beide Systeme sind sich sehr ähnlich. Wie Amazons Echo-Boxen handelt es sich auch bei Home um einen Lautsprecher, der mit sieben Mikrofonen ausgerüstet und mit dem Internet verbunden ist.

Hört das System den Weckruf, beginnt es, die nachfolgende Frage oder Anweisung zu entschlüsseln und entsprechend zu antworten oder zu reagieren. „OK Google – spiel Rolling Stones“ sorgt beispielsweise dafür, dass eine entsprechende Playlist oder ein spezialisierter Internet-Radiokanal gespielt wird. Im Gegensatz zu Alexa auf den Amazon-Echo-Geräten ist der Google Assistant aber aufs Tiefste mit dem gesamten System der Google-Suche und der Google-Anwendungen vernetzt.

So kann auf Wunsch die Suche nach einer Adresse mit einem gesprochenen Befehl dazu führen, dass Google Maps mit der passenden Route auf dem Smartphone geöffnet wird. Natürlich kann man mit Google Home auch telefonieren – die ultimative Handsfree-Telefonie! Vermutlich wird der Assistant in der Home-Säule bis zur Ankunft in Europa noch schlauer werden. Und dann kann der große Wettbewerb in dieser Disziplin zwischen Amazon, Microsoft und Google beginnen.

…macht jetzt auch Fotobücher

Auf die Verbindung muss man auch erst einmal kommen: Künstliche Intelligenz und Fotobücher. Google schafft das locker. In der kommenden Version von Google Photo steckt nämlich wirklich jede Menge künstlicher Gehirnschmalz. So erkennt das Tool Bildelemente und macht passende Angebote. Das Blatt eines Baumes führt zur Beschreibung der passenden Pflanzenart, markante Gebäude auf Fotos werden identifiziert, die Adresse kann unmittelbar mit Maps angeschaut werden und – falls gespeichert – wird auch die Telefonnummer der Firma im Haus angeboten. Das alles auf Basis von Fotos!

Man wird störende Elemente aus Fotos automatisch herausrechnen lassen können: Steht ein störender Laternenpfahl vor dem herrlichen Panorama, wird der künstlich entfernt und intelligent durch das ersetzt, was er verdeckt. Im Rahmen der Privatsphäre-Einstellungen werden Freunde und Verwandte auf Bildern erkannt – die Anwendung schlägt dann vor, solche Fotos mit den darauf zu sehenden Leuten zu teilen. Falls zugelassen, tauchen so auch Bilder anderer Menschen in der eigenen Photo-Galerie auf.

Was das mit Fotobüchern zu tun hat? Nun, über eine Funktion in der Anwendung kann man manuell Fotos zusammenstellen, mit denen Google dann ein Fotobuch drucken lässt und für 9,99 Dollar an den Nutzer verkauft. Die KI in dieser anscheinend unscheinbaren App ist sogar in der Lage, die Zusammenstellungen für Fotobücher vorzuschlagen, ohne dass der Anwender auch nur ein Kriterium angeben muss. So bekommt man z.B. automatisch eine Auswahl der schönsten Bilder aus dem ersten Lebensjahr der Hundewelpe, die ins Haus gekommen ist, als Vorschlag für ein Bilderbuch.

Intelligenz, die sich nicht mehr künstlich anfühlt

Man kann auch sagen: Google ist auf dem Weg, das weltweit führende Unternehmen für praktische Anwendungen der künstlichen Intelligenz zu werden. So spektakulär das schon beim Google Assistant gelingt, so unscheinbar kommt KI bei den neuen Versionen von Youtube und Photo daher. Da werden sich Amazon, Microsoft und auch Apple sehr nach der Decke strecken müssen, um da mitzuhalten.