Fangesänge, Plattenbauten und ein Hauch von Venice Beach

Schon zwei Tage vor dem entscheidenden Spiel um den Gruppensieg geht es in Samara heiß her. Wann auch immer die uruguayischen Fußball-Fans ihre Gesänge anstimmen, geben ihnen die Russen kontra. „Oh celeste, oh celeste“, schallt es von der einen Seite, mit ihrer Version eines bekannten russischen Volksliedes schlagen die Einheimischen zurück. Bis tief in die Nacht liefern sich die durch die Bank hellblau gekleideten Südamerikaner ein musikalisches Duell mit den russischen Fans. Man kann in diesen Tagen durchaus so etwas wie WM-Feeling in der ansonsten eher grauen Stadt an der Wolga ausmachen.

Am letzten Spieltag der Gruppe A selbst treibt es Tausende Russen auf die Straße. Trotz der Anstoßzeit um 18 Uhr scheinen die Wenigsten noch in der Arbeit zu weilen. In den Stunden vor dem Anpfiff stehen in Samara mit Ausnahme der Sonderbusse zum Stadion so gut wie alle öffentlichen Verkehrsmittel still. Die Fanzone im Stadtzentrum ist großräumig abgeriegelt. Die Russen und Fußball, anscheinend hat die Weltmeisterschaft doch das Interesse der Eishockey-Nation geweckt. Die Sicherheitskontrollen am Eingang zum FIFA Fan-Fest sind ausgiebig, und dennoch geht es einigermaßen zügig voran. Eigentlich ist alles angerichtet für eine rauschende Fußball-Party.


Wieder mal mein neuer Freund und ich
Samara
Plattenbauten
Strand und Promenade
Blick auf Gedänkstätte
Fan-Fest
Nochmal Strand
Wieder mal mein neuer Freund und ich
Samara
Plattenbauten
Strand und Promenade
Blick auf Gedänkstätte
Fan-Fest
Nochmal Strand

Der Spielverlauf lässt jedoch schnell darauf schließen, dass es nichts wird mit einem erfolgreichen Tag für die bis dahin ungeschlagenen WM-Gastgeber. Die Uruguayer um die Stars Luis Suarez und Edinson Cavani geben die Spielverderber. Schnell gewinnt man in der prall gefüllten Fanzone aber den Eindruck, dass es die Russen gar nicht so wirklich kümmert, was da ein paar Kilometer nördlich der Stadt in der Kosmos Arena passiert. Einige ergreifen schon zur Halbzeit die Flucht, andere lassen sich bei sengender Hitze unter dem Wasserschlauch den Spaß nicht verderben. Nach dem Ende der Partie ereignet sich das, was bisher bei jedem russischen Spiel geschah. 

Die eher aufgesetzt wirkenden Animationsversuche der Moderatoren auf der Bühne kommen zu meinem Erstaunen gut an bei den Einheimischen. Mit Fußball haben die paar Minuten nach dem Abpfiff rein gar nichts zu tun, außer dass die hörbar bemühte Dame, die die Antreiberin gibt, immer wieder in unerträglicher Lautstärke „football“ ins Mikro plärrt. Für etwa ein halbe Stunde dauert dieses Schauspiel an, ehe auch der letzte zuvor noch wie ein Fußball-Fan wirkende Russe den Heimweg antritt. Während dieser Show frage ich mich, wieso die in meinen Augen doch eher schlechte Darbietung so gut Anklang findet.

Die Antwort liegt wohl auf der Hand. Viel gibt es ansonsten nicht zu erleben in Samara. „Die Leute hier sind traurig“, erzählt mir der Einheimische Sergej. Das Durchschnittseinkommen betrage lediglich 400 US-Dollar. Viel lieber würde er in St. Petersburg leben, dort spiele sich das wahre russische Leben ab. In der Tat sticht einem beim Marsch durch Samara eine gewisse Tristesse ins Auge. Der Großteil des Stadtbildes ist geprägt von Plattenbauten. Immerhin beeindruckt die kilometerlange Wolga-Promenade, ohne die der Alltag in Samara wohl wirklich relativ traurig wäre. Hier vergnügt sich während ihrer Freizeit die halbe Stadt. Sonnenbaden, Inlineskaten und Muskeln stählen steht auf dem Programm. Ein Hauch von Venice Beach weht durch die Millionenstadt.