Microsoft Build 2017: Die Grenzen fallen

Es ist nie ganz einfach, die Fülle an Informationen, die Microsoft bei seiner legendären Entwicklerkonferenz Build liefert, einzuordnen. Um zu verstehen, was die Ankündigungen für den normalen PC-, Tablet- und Smartphone-User bedeuten, muss man immer zwischen den Zeilen lesen. Die Tage, in denen einfach eine neue Windows-Version angekündigt wurde, sind endgültig vorbei – auch wenn es in diesem Jahr einen intensiven Ausblick auf die nächste Version von Windows 10 gab. 

Windows 10 S – Apps aus der Cloud

Schon eine Woche vor der Build-Konferenz präsentierte Microsoft ein neues Notebook in der Surface-Reihe, das – so die offizielle Aussage – speziell für den Education-Bereich gedacht ist, also für Schüler, Studierende und Lehrkräfte. Das wäre nicht weiter aufregend gewesen, hätte man nicht gleichzeitig eine Windows-Version namens 10 S vorgestellt, die auf den neuen Geräten vorinstalliert ist. Die Eigenschaften dieser Version sind auf den zweiten Blick revolutionär und gleichzeitig eine Bankrotterklärung für Windows auf Smartphones.

Windows 10 arbeitet nämlich nicht mehr mit klassischen Anwendungen, für die man Daten herunterlädt, um sie dann zu installieren, sondern nur noch mit Apps. Wer zurzeit ein Apple iPhone oder ein Android-Smartphone besitzt, ist mit diesem Prinzip bestens vertraut. Nur über einen der App-Stores können neue Anwendungen auf das Gerät geholt werden. Der größte Teil der genutzten Daten liegt in der Cloud. Genauso wird das bei Windows 10 S sein. So wird aus dem Surface-Notebook praktisch ein großes Smartphone mit fest verbundener Tastatur.

Experten vermuten, dass Microsoft dieses Prinzip im Education-Bereich testen will um dann zu einem geeigneten Zeitpunkt das klassische Windows darauf umzustellen. Wer aktuell schon mit Office 365 arbeitet, weiß wie sich das anfühlt.

Allerdings übernimmt Microsoft mit diesem Prinzip auch den Einfluss auf die genutzte Software. So wird es für Windows 10 S anfangs ausschließlich Microsoft-Apps und Apps von zertifizierten Entwicklern geben. Im Klartext: als Webbrowser steht nur Edge zur Verfügung, als Suchmaschine allein Bing. Alles in allem ähnelt das neue Surface-Notebook damit stark dem Chromebook von Google. Was auch heißt: Man kann praktisch nur dann mit dem Gerät arbeiten, wenn es mit dem Internet verbunden ist.

So interessant das Konzept ist: Ein Preis von jenseits der 1.000-Euro-Grenze wird wohl dafür sorgen, dass es kaum von Privatleuten gekauft wird, sondern eher von Bildungseinrichtungen, die es dann Studierenden und Lehrkräften zur Verfügung stellt.

Windows 10: Das Creator-Update im Herbst

Bekanntlich gibt es ja keine neuen Windows-Versionen mehr, sondern nur noch mehr oder weniger umfassende Updates, die halbautomatisch installiert werden. Halbautomatisch, weil die Update-Automatik nur dann nicht greift, wenn man sie explizit abschaltet. Inzwischen sind diese Updates aber so ausgereift, dass Anwender mit aktueller Hardware kaum noch etwas davon merken.

Das dürfte beim Creator-Update, das im Herbst ausgerollt wird, anders sein. Denn diese Version enthält einige Neuerungen, die gut und gerne das Etikett „aufregend“ verdienen. Das betrifft nicht nur die tiefgreifenden optischen Veränderungen der Oberfläche (Stichwort: Microsoft Fluent Design System), sondern die Öffnung des Systems und des App-Stores für die Konkurrenz.

Tatsächlich werden nun auch Apps nutzbar sein, die weder von Microsoft selbst, noch von zertifizierten Entwicklern stammen. Erstes Beispiel wird Apple iTunes sein; wer diese App herunterlädt, kann dieses Medien- und Streaming-System nun auf jedem Windows-10-Gerät nutzen. Weil gleichzeitig Microsofts Cloud-System „OneDrive“ geöffnet wird, fallen die Grenzen zwischen den mobilen Betriebssystemen. Beispiel: Otto Mobilanwender nutzt iTunes als Windows-10-App und auf seinem MacBook – in Zukunft werden die dort abgelegten bzw. gekauften oder abonnierten Medien jederzeit synchronisiert auf beiden Geräten zur Verfügung stellen.

Damit das für App-Entwickler problemlos zu handhaben ist, hat Microsoft einen ganzen Satz passender Werkzeuge im Angebot, die es möglich machen, die Microsoft-Cloud auch aus iOS- oder Android-Apps heraus zu nutzen.

Invoke – Microsofts Antwort auf Amazon Echo und Google Home

Die Fortschritte bei den Sprachassistenten waren in den vergangenen vier, fünf Jahren dramatisch. Was mit Apples Siri begann, hat mit Alexa von Amazon das Wohnzimmer erobert. Ganz zu schweigen von OK Google, das von Android-Anwendern nach Aussagen des Unternehmens inzwischen bei fast 50 Prozent der Anfragen benutzt wird. Microsofts Cortana war da bisher das Stiefkind in der Ecke, weil es nur auf den wenigen Windows-Smartphones zur Verfügung stand. Auf den Surface-Geräten und Windows-Desktop-Rechnern wurde es praktisch von niemandem genutzt.

Dabei kann Cortana in jeder Hinsicht locker mit Siri, Alexa und OK Google mithalten. Die Tür zu iOS- und Android-Geräten bleibt für Microsofts Sprachassistentin weiter verschlossen, aber der Weg ins Wohnzimmer steht demnächst offen: Der renommierte Boxenhersteller Harman Kardon hat kurz vor der Build-Konferenz den ersten Cortana-Lautsprecher namens „Invoke“ vorgestellt; Intel und HP haben vergleichbare Geräte angekündigt. Invoke entspricht dabei weitestgehend den Echo-Boxen von Amazon und den kommenden Google-Home-Geräten. Sieben Mikrofone nehmen auf, was im Raum gesprochen wird uns setzen die enthaltenen Informationen um – das kennt man von Amazons Alexa.

So kann man Musik nach Wunsch abspielen lassen, aber eben auch jede Menge Informationen abrufen, die sich Cortana aus dem Web und eigenen Datenbanken zusammensucht. Anscheinend ist Invoke mit Cortana den Konkurrentinnen aber in Sachen Klugheit leicht überlegen: Wer z.B. eine Route für die Autofahrt abruft, wird auch darauf aufmerksam gemacht, vorher zu tanken, weil Cortana aus den zurückgelegten Kilometern den Kraftstoffverbrauch errechnet.

Fazit

Wie schon im vergangenen Jahr fährt Microsoft in Sachen Innovation auf der Überholspur und hat sowohl Google, als auch Apple hinter sich gelassen. Eine wesentliche Triebfeder dürfte das totale Scheitern von Windows als Smartphone-Betriebssystem sein. Wann die Folgen davon beim normalen Anwender ankommen, ist aber noch offen.